Wolf ins Jagdrecht

Während seiner Ausbreitung in Deutschland innerhalb der letzten 20 Jahre hat der Wolf durch Risse kontinuierlich mehr Tiere verletzt und getötet. Im vergangenen Jahr wurden 2.900 Fälle gemeldet. Von einer hohen Dunkelziffer muss ausgegangen werden. Wölfe lernen schnell. Rudel, die als wolfssicher errichtete Zäune überwinden, sind längst keine Neuigkeit mehr. Vielmehr haben sich die Horrormeldungen für Weidetierhalter inklusive schlafloser Nächte in der Hoffnung, beim morgendlichen Gang auf die Weide nicht dutzende gerissene Tiere vorzufinden, derart gehäuft, dass diese mittlerweile keinem Journalisten mehr eine Meldung wert sind. Ausnahmezustand als Normalfall sozusagen.

 

Aufgrund der sich ständig zuspitzenden Lage stand in den vergangenen Jahren die Anforderung an die Politik unübersehbar im Raum, dem sich in Deutschland unkontrolliert ausbreitenden Wolfsbestand etwas entgegenzusetzen. Dieser haben sich Mehrheiten in den Parlamenten bisher jedoch stets widersetzt. Da war es doch überraschend, dass die Koalition aus SPD und CDU in Niedersachsen nach einem offensichtlichen Sinneswandel den Wolf nun doch in das Landesjagdrecht aufnehmen will, eine Forderung, die wir als FDP seit Jahren mit Nachdruck im Landtag vertreten. Besser spät als nie!

 

Doch damit ist es nicht getan. Da der Wolf in der FFH-Richtlinie der EU und in der Berner Konvention des Europarates eine streng geschützte Art ist, wird für ihn zunächst eine ganzjährige Schonzeit gelten. Dabei ist eine Bejagung dringend notwendig: Nach Hochrechnungen des Deutschen Jagdverbandes lebten bereits im Frühjahr 2020 etwa 1.800 Wölfe in Deutschland. Ausgehend davon wird sich der Bestand weiterhin um etwa 30 Prozent pro Jahr erheblich ausdehnen und werden Weidetierrisse noch deutlich zunehmen. Schon heute sorgen immer häufigere Rissmeldungen dafür, dass die Akzeptanz des Wolfes vor allem in den ländlichen Gebieten grundsätzlich auf der Kippe steht. Von 2017 bis 2019 sind die Ausgaben der Bundesländer für Entschädigungen nach Wolfsangriffen um 100 Prozent auf über 400.000 Euro und für Herdenschutzmaßnahmen gar um 500 Prozent auf über acht Millionen Euro gestiegen. Der wirtschaftliche Schaden ist durch Nicht-Meldungen und nicht erstattete Arbeitszeit für die Weidetierhalter um ein Vielfaches größer. Die Dimensionen des praktisch Möglichen sind etwa beim Zaunbau längst gesprengt. Tierhalter beschließen infolge der immer größer werdenden Wolfspopulation und der dadurch stark zunehmenden Nutzungskonflikte, ihre Tätigkeit aufzugeben oder denken aktuell darüber nach. Nun ist es an der Zeit dafür zu sorgen, dass nicht die Tierhalter auf der roten Liste der bedrohten Arten landen, es wäre ein erheblicher Verlust für unser Land.

 

Der hohe Schutzstatus des Wolfes ist heute längst nicht mehr angemessen, denkt man an das immer wieder genannte Argument aus dem Jahr 2015 zurück, als die Diskussion um den Wolf durch steigende Risse an Fahrt aufnahm, der günstige Erhaltungszustand der Population sei erst bei über 1.000 adulten Tieren erreicht. Wohlgemerkt reicht das Verbreitungsgebiet der europäischen Population weit über Deutschland hinaus, sodass auch die Bestände der Nachbarländer hinzugerechnet werden müssen. Für die Regierungskoalition aus Union und SPD im Bund ist es deshalb an der Zeit, dem niedersächsischen Beispiel zu folgen und den Wolf ins Bundesjagdrecht aufzunehmen. Das durchzusetzen, sollte der Union gelingen, zumal sie das in Berlin nicht wie in Niedersachsen aus der Rolle des Juniorpartners heraus schaffen muss. Diesem Signal an die darauf sehnlichst wartenden Weidetierhalter muss die Aufhebung des hohen Schutzstatus auf europäischer Ebene folgen, um eine reguläre Bejagung auch tatsächlich möglich zu machen. In der sich dem Ende zuneigenden deutschen EU-Ratspräsidentschaft hat Umweltministerin Schulze die Chance, sich dafür einzusetzen, aktiv verstreichen lassen.

 

Bis eine reguläre Bejagung möglich ist, muss die Weidewirtschaft durch eine Weidetierhaltungsstrategie geschützt werden. Bund und Länder müssen regional tolerable Wolfsbestandsdichten der einzelnen Regionen definieren, die die Verminderung und Vermeidung von Nutztierrissen bei gleichzeitigem Erhalt einer stabilen Wolfspopulation realisieren, so wie es uns zahlreiche Nachbarländer bereits vorgemacht haben. Darüber hinaus ist es dringend nötig, dass Bund und Länder das Töten von Wölfen anhand einheitlicher Kriterien gemeinsam regeln. Wölfe, die ihre Scheu vor dem Menschen verloren haben und denen es gelingt, angeblich wolfsichere Zäune zu überwinden, müssen zum Schutz von Landwirtschaft und insbesondere Weidetierhaltung ohne bürokratisches Antragsverfahren entnommen werden können.

 

Eine ausgeprägte Weidetierhaltung in Deutschland trägt zum Erhalt unserer Kulturlandschaften und im Rahmen der Deichbeweidung zur Sicherheit der Menschen in unserem Land bei. Der Artenschutz profitiert, zum Beispiel durch die Schaffung von Lebensräumen für Wiesenbrüter, direkt von der Weidewirtschaft. Um die Weidetierhaltung zu erhalten und zu fördern, müssen entsprechende wiederkehrende Willensbekundungen der Politik endlich zu konkretem politischem Handeln zur Unterstützung dieser Form der Tierhaltung führen. Lassen wir die Tierhalter nicht im Regen stehen!

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