Normalgewicht ist kein Zuckerschlecken

Übergewicht ist die Kehrseite unserer hocheffizienten Wohlstandsgesellschaft. Während vor nicht einmal hundert Jahren viele Bürger ums tägliche Brot kämpfen mussten, haben technische Innovationen und Arbeitsteilung für volle Supermarktregale gesorgt – zu Preisen, die für jedermann erschwinglich sind. So erfreulich die Versorgungslage ist, hat sie selbstverständlich auch ihre Konsequenzen: Mittlerweise sind über 18% der Erwachsenen als auch 6% der Kinder und Jugendlichen in Deutschland mit einem Body-Mass-Index über 30 stark übergewichtig. Dieser Umstand beeinträchtigt nicht nur das eigene Leben, sondern löst Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Gelenkprobleme oder Depressionen mit immensen gesellschaftlichen Folgekosten aus.

Die Koalition ist sich deshalb einig, dass wir die Voraussetzungen für gesunde Ernährung in Deutschland weiter verbessern wollen. Dabei sind Innovationen in der Lebensmittelwirtschaft, mit denen Salz-, Fett- und Zuckerreduktionen einhergehen können, ebenso wichtig, wie die Verbraucher aufzuklären und dazu zu animieren, sich auch kritisch mit ihren individuellen Ernährungsgewohnheiten auseinanderzusetzen.

Der Ernährungsbildung kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Nur wer seinen eigenen Bedarf kennt und die Nährwerttabelle auf der Rückseite der Verpackung richtig interpretieren kann, ist in der Lage sich gesund zu ernähren. Statt einzelne Inhaltsstoffe pauschal zu verteufeln gilt es die Gesamtkalorienbilanz in den Blick nehmen. Jedoch ausdrücklich zielgruppengenau! Denn neben der Volkskrankheit Adipositas sind gleichzeitig fast 2% der Erwachsenen in Deutschland untergewichtig, andere haben Unverträglichkeiten, Allergien, hohe Kalorienbedarfe aufgrund sportlicher Betätigungen uvm. Staatliche Hilfestellungen bergen deshalb immer auch die Gefahr für bestimmte Personen kontraproduktiv sein zu können, weil sie sich am Durchschnittsbürger orientieren.

Wissenschaftliche Erhebungen zeigen, dass mit ansteigendem Bildungsgrad auch die Wahrscheinlichkeit erhöht wird, den persönlichen Kalorienbedarf besser einschätzen zu können und in Folge dessen mit weniger Gewicht durch die Welt zu laufen. Hier gilt es anzusetzen und die Ernährungsbildung in Kindertagesstätten und Schulen weiterhin zu verbessern. Gleichzeitig gilt es dort nicht stehenzubleiben. Denn fragt man die Eltern, welcher Faktor für Übergewicht bei Kindern verantwortlich ist, kommt die überraschend ehrliche Antwort: Die eigene Vorbildfunktion! Auch Ernährungsbildung bei Erwachsenen muss deshalb als flankierende Maßnahmein den Blick genommen werden, um Kinder eine gesunde Zukunft zu ermöglichen.

Paternalistische Abkürzungsversuche des Staates enden hingegen regelmäßig in einer Sackgasse, wie die Einführung einer Zuckersteuer auf Softdrinks in anderen Staaten eindrucksvoll bewiesen hat. Niemandem ist geholfen, wenn zwar der Konsum zurück geht oder der Zuckeranteil in den Produkten gesenkt wird, jedoch keineswegs die Pfunde auf der Waage den Rückwärtsgang antreten. Bürgerinnen und Bürgern stehen in der modernen Gesellschaft eben zahlreiche Ausweichmöglichkeiten zur Verfügung, um ihren „Hunger“ zu stillen.

Außer Frage steht jedoch, dass Kinder unseres ganz besonderen Schutzes bedürfen. Als liberale Partei ist es daher unser Ziel, sie so früh wie möglich mit den Kompetenzen auszustatten, um als Heranwachsende eigenständige Entscheidungen treffen zu können. Das bedeutet gewiss nicht übergewichtigen Kindern noch den Schokoriegel zuzustecken. Vielmehr erachteten wir Aufklärung und die Vorbildfunktion der Eltern als wichtigen Baustein eines ganzheitlichen Konzeptes.

Zur Ausbildung von Medienkompetenz gehört im Laufe des Erwachsenwerdens auch die Konfrontation mit Werbung. Werbeverbote für Kinder in Altersklassen, wo diese Fähigkeiten noch nicht ausgeprägt sind, können ein sinnvolles Instrument sein. Hier werden wir gemeinsam mit Fachleuten wissenschaftlich evaluieren, wie wir mit allen Beteiligten Regelungen finden können, Kinder ausreichend zu schützen, aber gleichzeitig auch hinsichtlich eines kritischen Umgangs mit Werbung zu sensibilisieren.

Zurück