Nachhaltigkeit durch heimische Lebensmittel

Durch enorme Produktivitätssteigerungen hat es die moderne Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten vermocht, immer mehr Nahrungsmittel zu immer günstigeren Preisen zu erzeugen. Damit bediente sie die Bedürfnisse einer Geiz-ist-geil-Mentalität, die bei der Ernährung in großen Teilen der Bevölkerung hierzulande bisher herrscht. Geringe Lebensmittelpreise haben nicht zuletzt die EU-Agrarzahlungen aus Brüssel erst möglich gemacht, die je nach Region 30 bis 50 Prozent des Einkommens der Betriebe ausmachen. Billige Preise waren eine Selbstverständlichkeit. Deshalb ist es bei den meisten Kunden im Supermarkt auch unbemerkt geblieben, dass in den letzten Jahren die Produktionskosten landwirtschaftlicher Produkte aus Deutschland insbesondere durch politische Auflagen gestiegen sind. Diese können auch technischer Fortschritt in der Produktion und staatliche Zahlungen nicht auf Dauer ausgleichen. So ist nun für deutsche Landwirte ein Missverhältnis zwischen Erlösen und Kosten entstanden, die erstere oft genug übersteigen. Auf dieser Basis hat Landwirtschaft in Deutschland keine Zukunft. Denn das Ausweichen auf alternative Produkte aus dem Ausland, die zu niedrigeren Standards kostengünstiger erzeugt wurden, ist insbesondere im gemeinsamen EU-Binnenmarkt leicht möglich. Für eine weiterhin zukunftsfähige Landwirtschaft in Deutschland ist ein Umdenken nötig.

Um das beschriebene Dilemma zu lösen, besteht eine Möglichkeit in höheren Preisen für landwirtschaftliche Produkte. Im politischen Raum wird aktuell der Vorschlag einer Anhebung der Mehrwertsteuer auf tierische Erzeugnisse intensiv diskutiert. So könnte der Staat mit den zusätzlichen Steuereinnahmen ein Mehr an Tierwohl und Klimaschutz in der Tierhaltung fördern und auf diese Weise zumindest indirekt einen Ausgleich für höhere Standards in Deutschland leisten, so die Idee. Dies ist aus meiner Sicht jedoch Augenwischerei. Denn die Gefahr ist groß, dass die Gelder aus Steuermehreinnahmen überhaupt nicht zielgerichtet bei den Landwirten im Stall ankommen. Die Enttäuschung beim Verbraucher und bei den Landwirten wäre gleichermaßen groß. Zudem würde der Preisabstand regionaler Produkte zu billigeren Importwaren durch eine Mehrwertsteuererhöhung noch größer und eine Anhebung der Mehrwertsteuer bei bestimmten Produkten das ohnehin schon komplizierte Mehrwertsteuersystem noch unverständlicher machen. Letztlich lehne ich die Nutzung der Mehrwertsteuer als Lenkungssteuer zur Umerziehung der Bürger kategorisch ab. Aus all diesen Gründen halte ich nichts davon, die Mehrwertsteuer für tierische Erzeugnisse zu erhöhen.

Wenn Agrarminister Özdemir meint, dass Lebensmittel teurer werden müssen, hat er damit in der Konsequenz zwar Recht, zäumt das Pferd aber letztlich von hinten auf. Der Staat kann ja keine Mindestpreise für 500 Gramm Hackfleisch oder andere Produkte festlegen. Wir müssen die Verbraucher vielmehr dafür begeistern, regionale, deutsche Lebensmittel zu kaufen und so die deutschen Bauern zu unterstützen, auch wenn sie wegen der höheren Standards hierzulande teurer sind als billigere Importware. Dazu brauchen wir eine Marketingkampagne für Lebensmittel aus Deutschland. Damit das Werben um Kunden für heimische Produkte auch gelingt, ist mehr Transparenz notwendig. Mit der im Koalitionsvertrag vereinbarten umfassenden transparenten Tierwohl- und Herkunftskennzeichnung können Verbraucher an der Ladentheke selbst mehr Verantwortung übernehmen. Auch der Handel muss umdenken, indem er etwa mehr Ladenfläche für eine breite regionale Produktpalette zur Verfügung stellt. Letztlich liegt die Lösung aber in den Händen der Kunden: Die beste Konsumentscheidung zu Gunsten von Klimaschutz, Tierwohl und Nachhaltigkeit ist der Kauf von in Deutschland erzeugten Lebensmitteln.

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