Europäische Fortschritte statt nationaler Alleingänge bringen das Tierwohl voran

Die Verantwortung für das Tierwohl endet nicht an der deutschen Grenze. Aus diesem Grund ist die Einführung einheitlicher europäischer Tierhaltungsstandards sowohl für das Tierwohl als auch für die Zukunftsfähigkeit der europäischen Landwirtschaft essenziell.

Es ist eine wichtige Aufgabe, unseren Tieren ein möglichst tiergerechtes Leben zu ermöglichen. Dafür müssen zuallererst die geltenden Gesetze eingehalten und überwacht werden. Verstöße sind konsequent zu verfolgen und bestrafen. Darüber hinaus sind weitere Verbesserungen des Tierwohls möglich, zum Beispiel beim Töten männlicher Küken. Dazu gibt es ein aktuelles Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das das Töten vorerst weiter erlaubt, bis marktreife Verfahren beispielsweise zur Früherkennung des Geschlechts im Ei bereitstehen. Doch wie das Urteil auch ausgefallen wäre: Eine Verbesserung des Tierwohls habe ich von ihm so oder so nicht erwartet. Selbst bei einem Verbot der unsäglichen Praxis des Kükentötens würden im besten Fall die Betriebe in andere Staaten abwandern. In jedem Fall würden die Produkte zukünftig aus dem Ausland in unsere Supermärkte gelangen.

Denn bisher ist ein Wettbewerb nach unten in der EU für den deutschen Landwirtschaftssektor bittere Realität. So verschieden wie Feinstaubmessungen im Straßenverkehr in verschiedenen Ländern stattfinden, wird nicht zuletzt bei Standards in der Tierhaltung ebenfalls mit zweierlei Maß gemessen: Der Landwirt in Frankreich, Italien oder Rumänien findet andere politische Rahmenbedingungen und laxere Kontrollen als der Landwirt in Deutschland vor. Deshalb müssen Maßnahmen zum Tierwohl auf europäischer Ebene verwirklicht werden. Nationale Alleingänge, die deutlich über europäische Regelungen hinausgehen, führen zur Abwanderung der Tierhaltung und Verlagerung der Produktion ins Ausland. Sie tragen nicht zu einer Verbesserung, sondern zu einer Verschlechterung des Tierwohls bei.

Dass die Produktion bei Verboten ins Ausland abwandert, konnte schon beobachtet werden. So war es auch beim Verbot der Käfighaltung in Deutschland: In ehemaligen deutschen Käfigen werden im osteuropäischen Ausland weiterhin Eier produziert, die nun nicht mehr als Frischeier im Laden stehen, sondern in verarbeiteten Produkten landen.

Ein deutscher Alleingang bei der Kastration männlicher Ferkel stellt aktuell die Zukunft der Schweinehaltung hierzulande in Frage und schafft zusätzliche Unsicherheit bezüglich getätigter und noch geplanter Investitionen in einer ohnehin durch ständige Regeländerungen geplagten Branche. Dabei liegen tierwohlgerechte sowie zugleich umsetzbare Lösungen recht nah. So wie beispielsweise Dänemark könnte auch Deutschland die lokale Betäubung durch den Landwirt als möglichen Weg freigeben. Dann hätten das Tierwohl und die landwirtschaftliche Nahrungsmittelproduktion in Deutschland gewonnen.

Aus diesen Erfahrungen muss die Politik lernen. Deshalb fordere ich beim Töten männlicher Küken ein EU-weites Verbot in Verbindung mit weiterer Forschung und die Weiterentwicklung der Technik zur frühzeitigen Geschlechtsbestimmung im Ei statt einer deutschlandweiten Placebo-Maßnahme, die keine Verbesserung des Tierwohls mit sich bringt. Durch Fortschritt und Innovationen kann es gelingen, das Kükentöten tatsächlich zu beenden, indem die heimischen Produzenten mit neuen Technologien bei uns vor Ort weiterhin produzieren können und die Produkte nicht stattdessen aus dem Ausland kommen.

Elementar für das Tierwohl ist die Einhaltung geltender Gesetze: Dass Tierhaltungsbetriebe in einigen Bundesländern im Durchschnitt nur alle 15 Jahre oder noch seltener überprüft werden, ist zu wenig. Ein Grund dafür ist die teilweise mangelhafte Ausstattung der Veterinärverwaltung mit Personal. Wo nötig, sind hier die Länder in der Verantwortung, Abhilfe zu schaffen. Der Staat muss seine Behörden bei seinen ureigenen Aufgaben ausreichend ausstatten. Die Einhaltung von geltendem Recht in der Tierhaltung zu kontrollieren, gehört ausdrücklich dazu! Wir als FDP-Bundestagsfraktion haben bereits im vergangenen Jahr einen Antrag in den Bundestag eingebracht, der zum Ziel hat, die Bundesländer bei ihrer Kontrollaufgabe, auch mit finanziellen Mitteln, angemessen zu unterstützen.

Schlussendlich darf man sich keine Illusionen machen: Ob Verbesserungen des Tierwohls tatsächlich erreicht werden, wird nicht national von einem Gericht oder Ministerium, sondern momentan letztendlich an der Ladenkasse entschieden. Denn die Verbraucher steuern mit ihrem Kaufverhalten, wie produziert wird. Aktuell steht daher in der landwirtschaftlichen Produktion die Effizienz im Vordergrund, die beispielsweise bei den modernen Hühnerrassen durch das einseitige Zuchtziel „Eiproduktion“ erreicht wurde. Nach den dadurch für die Fleischproduktion ungeeigneten männlichen Küken gibt es schlichtweg keinen Bedarf. Höhere Standards bei der Produktion tierischer Nahrungsmittel kosten Geld. Wer die Käfighaltung, das betäubungslose Kastrieren männlicher Ferkel und das Töten männlicher Küken wirklich beenden will, muss auch erklären, dass die allgegenwärtige “Geiz-ist-geil-Mentalität” beim Discounter überwunden werden muss. Denn es gibt schon jetzt Alternativen, zum Beispiel das Zweinutzungshuhn. Die Züchtungen entsprechender Rassen sind nicht so stark einseitig auf die Produktion von Eiern ausgelegt. So können die männlichen Küken für die Erzeugung von Fleisch genutzt werden. Doch hier kommt es wieder zum Realitätscheck des vermeintlichen Verbraucherwunsches nach mehr Tierwohl: Die Ressourceneffizienz des Zweinutzungshuhns, also beispielsweise die Verwertung des eingesetzten Futters, ist geringer. Eier und Fleisch sind aus diesem Grund beim Zweinutzungshuhn teurer und werden deshalb nicht ausreichend nachgefragt, um nur auf diesem Weg dem Beenden des Tötens männlicher Küken entscheidend näher zu kommen.

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