Erntedank

Erntedank erinnert uns jahrein jahraus daran, dankbar für eine gute Ernte zu sein, dafür, dass im kommenden Jahr wohl niemand Hunger leiden wird. An den anderen Tagen des Jahres denken wohl nicht viele sonderlich über den gut gefüllten Teller nach, der täglich vor ihnen steht. Nahrungsmittel gehören zwar zu den essenziellsten Dingen überhaupt, die unser Leben erst möglich machen. Gerade weil aber die Teller in den vergangenen Jahrzehnten immer voll waren und die meisten von uns echten Hunger wenn überhaupt nur aus Erzählungen von älteren Verwandten kennen, wissen wir dies in der täglichen Hektik des Alltags oft genug nicht ausreichend zu würdigen. Wir verlieren die Wertschätzung und die Dankbarkeit dafür, dass die Tische immer bis zum Überfluss gefüllt sind und uns stattdessen lediglich der Akku-Ladestand unseres Handys wirklich nervös werden lässt.

Das spiegelt sich auch im Zeitgeist unserer Gesellschaft wieder: Während in unseren Parlamenten etwa über verschiedenste Aspekte der „Gender-Gerechtigkeit“ debattiert wird, verlieren wir in unserer Überflussgesellschaft das Gefühl für die Grundbedürfnisse - und dafür, worauf es wirklich ankommt. Am Zeitgeist mag es auch liegen, dass mittlerweile längst nicht mehr in jedem Erntedankgottesdienst denen gedankt wird, die tatsächlich für unser täglich Brot sorgen, den Landwirten. Sie sind es nämlich, die beständig bei Wind und Wetter auf ihren Höfen für unsere Nahrungsmittel arbeiten. Ihre Arbeit macht ihnen nicht zuletzt die Politik immer schwerer. Verbote von Pflanzenschutzmitteln, Düngeregeln ohne fundierte Messungen und immer neue Tierhaltungsstandards führen dazu, dass wir uns bald nicht mehr bei unseren heimischen Landwirten für gute Ernten bedanken können, weil immer mehr von ihnen aufgeben. Stattdessen sollten wir uns klar machen: Ob Betriebe klein oder groß sind, ob sie konventionell oder ökologisch wirtschaften, alle leisten einen wichtigen Beitrag zu unserer Versorgung mit hochwertigen Lebensmitteln.

Die Verleihung des Friedensnobelpreises an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen erinnert uns in diesen Tagen daran, dass es in vielen Teilen der Erde noch immer nicht selbstverständlich ist, keinen Hunger zu leiden. So wichtig die Aktivitäten des Welternährungsprogramms deshalb sind, so entscheidend ist es auch, nicht dauerhaft auf sie angewiesen zu sein. Denn wenn sich die ärmsten Menschen auf die ständige Hilfe verlassen, haben sie keine Chance, eines Tages ohne diese auszukommen. Weniger dauerhafte Nahrungsmittelversorgung und mehr eigene Produktion ist deshalb das Mittel der Wahl. Nun sind die Probleme, die auf der Welt zu Hunger führen, vielfältig. Korrupte Herrschaftssysteme, denen das Wohl der eigenen Bevölkerung gleichgültig ist, Bürgerkriege und kaputte Infrastruktur sind nur einige Gründe. Eine weitere Herausforderung besteht darin, eine an die örtlichen Bedingungen angepasste Landwirtschaft zu fördern, die in den ärmsten Regionen der Erde selten so vorzüglich wie bei uns in Mitteleuropa sind. So kann es etwa mit neuen Züchtungsmethoden gelingen, Kulturpflanzen zu züchten, die auch unter den schlechtesten Bedingungen wie anhaltender Trockenheit noch Erträge abwerfen. Kann es in diesem Zusammenhang ein Zufall sein, dass ausgerechnet in diesem Jahr der Nobelpreis für Chemie für die Entwicklung der Genschere Crispr/Cas9 verliehen wurde?

Auch bei uns in Deutschland sind neue Technologien der einfachste Weg, um aktuelle Herausforderungen in der Landwirtschaft zu lösen. Mit den neuen Züchtungsmethoden des Genome Editing gezüchtete widerstandsfähigere und ertragsstärkere Nutzpflanzen könnten etwa mit weniger Pflanzenschutzmitteln auskommen. Neue Pflanzenschutzmittel wiederum bedeuten durch technischen Fortschritt mehr und nicht weniger Schutz der Natur. Sie sind mit den Jahren immer harmloser für zu schützende Organismen geworden. Deshalb müssen sie deutlich schneller als momentan zugelassen werden. Mit Hilfe neuer Technologien können so Ernten gesichert und dabei gleichzeitig noch nachhaltiger produziert werden. Ihre Erforschung und Anwendung ist ein vielversprechender Weg, gesellschaftliche Differenzen im Bereich Landwirtschaft auszuräumen, indem es wieder gelingt, sich auf gemeinsame Ziele zu verständigen. Der Erntedank ist vielleicht der beste Zeitpunkt des Jahres für jeden einzelnen, einmal darüber nachzudenken, wie er zur Erreichung eines solchen Konsenses beitragen kann und so dem Dank an die Landwirte Ausdruck zu verleihen. Dann kann sich die Landwirtschaft endlich wieder auf ihre eigentliche Aufgabe besinnen, die Produktion von Nahrungsmitteln. Denn gerade in Zeiten des Coronavirus ist klar geworden, wie wichtig eine ausreichende Nahrungsmittelversorgung zu jedem Zeitpunkt ist. Selbstverständlich ist sie weltweit noch nicht.

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