Erntedank

Nahrungsmittel gehören zu den essenziellsten Dingen überhaupt, die unser Leben erst möglich machen. Durch immer neue technische Entwicklungen und Innovationen hat die Landwirtschaft in den vergangenen hundert Jahren dafür gesorgt, dass sie – zumindest bei uns - ständig ausreichend bis hin zum Übermaß vorhanden sind. Echten Hunger kennen die meisten von uns wenn überhaupt nur noch aus Erzählungen von älteren Verwandten. Deshalb denken viele nicht sonderlich über den gut gefüllten Teller nach, der täglich vor ihnen steht. Wir wissen unsere sichere Versorgung mit Nahrungsmitteln in der täglichen Hektik des Alltags oft genug nicht ausreichend zu würdigen. Zumindest einmal im Jahr erinnert uns Erntedank daran, dankbar für eine gute Ernte zu sein, dafür, dass im kommenden Jahr wohl niemand Hunger leiden wird.

 

In vielen Teilen der Erde ist es immer noch nicht selbstverständlich, keinen Hunger zu leiden. Die Probleme, die auf der Welt zu Hunger führen, sind vielfältig. Korrupte Herrschaftssysteme, denen das Wohl der eigenen Bevölkerung gleichgültig ist, Bürgerkriege und kaputte Infrastruktur sind einige Gründe. Dass es auch in den entwickelten Staaten zu Versorgungsengpässen kommen kann, wenn die Rahmenbedingungen falsch gesetzt werden, sehen wir aktuell in Großbritannien. Dort stehen die Menschen in weiten Teilen des Landes vor leeren Regalen. Lebensmittel werden knapp. Die dortige Chefin des Bauernverbandes sieht die Versorgung gar „auf Messers Schneide“. Kommen zu der angespannten Lage zunehmend noch Panikkäufe hinzu, kann dies tatsächlich dramatische Auswirkungen auf die Versorgung mit Lebensmittel haben. Verantwortlich hierfür ist letztlich die mit dem Brexit verbundene Abschottung von Märkten, die augenscheinlich nicht zu mehr Wohlstand und Versorgungssicherheit führt, sondern zu weniger. Umso mehr müssen wir die gute Versorgung mit gesunden Nahrungsmitteln hierzulande zu schätzen wissen und ihre Grundlagen erhalten.

 

Die erfolgreiche Entwicklung der Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten als Garant für einen immer reichlich gedeckten Tisch hat eine Kehrseite: Immer weniger Landwirte sind in der Lage, immer mehr mit bester Qualität zu produzieren. Dadurch nimmt die Sichtbarkeit der landwirtschaftlichen Erzeugung von Lebensmitteln in der Gesellschaft ab. Zusätzlich zur ständigen Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln ruft dies die Illusion hervor, nicht mehr darüber nachdenken zu müssen, welche Rahmenbedingungen eine erfolgreiche und zukunftsfähige heimische Landwirtschaft braucht. Das spiegelt sich auch in den Parlamenten wieder: Ihre Arbeit hat den Landwirten nicht zuletzt die Politik immer schwerer gemacht. Verbote von Pflanzenschutzmitteln, Düngeregeln ohne fundierte Messungen und immer neue Tierhaltungsstandards führen dazu, dass wir uns bald nicht mehr bei unseren heimischen Landwirten für gute Ernten bedanken können, weil immer mehr von ihnen aufgeben. Auf diese Weise verlieren wir in unserer Überflussgesellschaft das Gefühl für die Grundbedürfnisse - und dafür, worauf es wirklich ankommt. Stattdessen sollten wir uns klar machen: Ob Betriebe klein oder groß sind, ob sie konventionell oder ökologisch wirtschaften, alle leisten einen wichtigen Beitrag zu unserer Versorgung mit hochwertigen Lebensmitteln. Die Landwirte sind es, die beständig bei Wind und Wetter auf ihren Höfen für unsere Nahrungsmittel arbeiten. Um dies auch weiterhin tun zu können, dürfen wir ihnen die wirtschaftliche Grundlage für den Fortbestand nicht entziehen.

 

Erntedank ist vielleicht der beste Zeitpunkt des Jahres für jeden einzelnen, einmal darüber nachzudenken, wie er zur Erreichung eines Konsenses zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft beitragen kann, um so dem Dank an die Landwirte Ausdruck zu verleihen. Dann kann sich die Landwirtschaft endlich wieder auf ihre eigentliche Aufgabe besinnen, die Produktion von Nahrungsmitteln. Denn der Blick auf andere Teile der Welt zeigt, wie wichtig eine ausreichende Nahrungsmittelversorgung zu jedem Zeitpunkt ist. Selbstverständlich ist sie auch bei uns nicht.

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